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Die Frau, die die lebhaften Kinder der Innenstadt fotografierte

Text: Taka Kawachi

07.05.2019

Vor einigen Tagen sah ich das beeindruckende Cover (auf dem zwei spielende Kinder zu sehen sind) des Albums „Love Not Money“ von Everything But The Girl in Kazuto Yamakis Kolumne „The Essentials vol.1“ hier auf SEIN Online. Das gab mir Inspiration, in meiner Kolumne über die Fotografin Helen Levitt zu schreiben, denn das Thema, das Levitt am meisten interessierte, waren Kinder, die fröhlich auf der Strasse spielten.

Helen Levitt wurde 1913 in Brooklyn geboren. Mit 18 Jahren begann sie in einem Porträtstudio in der Bronx zu arbeiten und widmete sich dem Studium der Fotografie. Bald lernte sie Walker Evans kennen, arbeitete als seine Assistentin und wurde bekannt für ihre von Henry Cartier-Bresson inspirierten Schnappschussfotografien, die sie mit kleinen Leica-Kameras aufnahm.

Zwischen den 1930er und den späten 1940er Jahren konzentrierte sich Levitt auf das Fotografieren in den vielfältigen Vierteln von Spanish Harlem oder der Lower East Side – Gebieten, die hauptsächlich von Einwandererfamilien bewohnt waren. Ihre Fotografien aus dieser Zeit sind in ihrem Meisterwerk, dem Fotobuch „A Way of Seeing“, zusammengefasst. Damals, bevor es Fernseher gab, vor denen man sitzen konnte, machten Kinder Hinterhöfe und Strassen zu ihren Spielplätzen. Aus ihrer eigenen, einzigartigen Perspektive zeigen uns Levitt's Fotografien die Lebendigkeit und die wilden, lebhaften Ausdrucksformen von Kindern, die ganz in ihre eigene Welt vertieft sind – die Spiele, die sich täglich abspielen (Verstecken, verschiedene Kriegsspiele usw.), die Kreidezeichnungen auf dem Asphalt, die Tyrannen und ihre Opfer.

Levitt hielt jedoch nicht nur Kinder fest: Erwachsene, die auf Stühlen auf der Strasse sassen und in Nostalgie versunken schienen; Gruppen von Frauen, die in Klatsch und Tratsch vertieft waren. Ihre Fotografien zeigen ein New York, das keine Grenzen zwischen den Rassen kannte, in dem Schwarze, Weisse und Lateinamerikaner einfach ihrem Alltag nachgingen und New York jeden Tag neu entstand, mit einer Atmosphäre der „guten alten Zeit“, die ein wenig an die unmittelbare Nachkriegszeit der Showa-Ära in Japan erinnert. Gleichzeitig zeugen die Fotos von Levitt's technischer Meisterschaft und ihrem scharfen Blick, die an William Kleins Darstellung des Alltagslebens der 1950er Jahre in seiner Serie „New York“ erinnern.

Helen Levitt (geb. 1913 in Brooklyn, New York) / Als autodidaktische Fotografin richtete sie ihr Augenmerk auf Kinder, die ohne Rücksicht auf Hautfarbe oder sozialen Status auf den Strassen von Harlem oder Downtown New York miteinander spielten. Levitt hatte 1943 eine Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art und drehte Dokumentarfilme wie „The Quiet One“ (1949) und „In the Street“ (1951). Nach einem Stipendium des Guggenheim Museums begann Levitt, Strassenfotografie in Farbe zu machen. Im Jahr 2001 veröffentlichte sie ihre Farbfotografien zusammen mit bisher unveröffentlichten Werken in dem Fotobuch „Crosstown”. Helen Levitt starb 2009 im Alter von 95 Jahren in New York.
Ihr Meisterwerk, das Fotobuch „A Way of Seeing“ aus dem Jahr 1965, wurde kürzlich von Duke University Press neu aufgelegt, mit Essays von Walker Evans sowie dem Schriftsteller und Fotografen James Agee.
Helen Levitt, Ohne Titel (Heimmannschaft, The Reds), New York City, um 1940

Die Unbeschwertheit der Menschen in diesen Fotografien und ihre Fähigkeit, sich tief in die Herzen ihres Publikums zu graben, spiegeln möglicherweise Levitt's Liebe zu der Stadt ihrer Kindheit wider. Die Tatsache, dass ihr erstes Fotobuch erst zwanzig Jahre nach der Aufnahme dieser Fotos erschien, ist jedoch sicherlich auf Levitt's Bescheidenheit und ihre Abneigung gegen das Rampenlicht zurückzuführen.

Als Fotografin war Helen Levitt eine Pionierin. Heute wird sie als „Fotografin der Fotografen“ hoch geschätzt, starb jedoch vor zehn Jahren im Alter von 95 Jahren nahezu unbekannt, nachdem sie zusammen mit ihrer Katze in einer kleinen Wohnung in Greenwich Village gelebt hatte.
Ihr Mentor Walker Evans bezeichnete ihre Fotografie einmal als „Anti-Journalismus”. Und tatsächlich – ihre unschätzbaren Arbeiten halten das Strassenleben nicht in News-Fotos fest, sondern aus einer persönlichen, einzigartigen Perspektive, und bewahren diese Szenen für die Gegenwart in Bildern, die noch immer vor Energie sprühen.

Taka Kawachi

Benrido, Leiter der Auslandsabteilung

Taka Kawachi verfügt über umfangreiche internationale Erfahrung. Nach seinem Abschluss an der Academy of Art University in San Francisco arbeitete er 15 Jahre lang in New York City als Buchredakteur und Kurator. 2011 kehrte er nach Japan zurück. Im Jahr 2016 veröffentlichte Kawachi sein erstes Buch „Art no Iriguchi (Einstieg in die Kunst)“. Seine Publikationen veranschaulichen seine Erfahrungen mit Kunst und Fotografie und bieten den Lesern die Möglichkeit, sich aus seiner einzigartigen Perspektive mit der Geschichte und den Themen beider Regionen auseinanderzusetzen. Derzeit ist er Direktor der Auslandsabteilung von Benrido in Kyoto, wo er sich für die Verbreitung des klassischen und seltenen fotografischen Verfahrens der Lichtdrucktechnik einsetzt und Portfolios von Saul Leiter, J.H. Lartigue und anderen produziert. Seine neueste Veröffentlichung ist „Artists: Masters of Architecture and Design” (Akatsuki Press).

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