Die Weitwinkel-Strassenfotografie von Garry Winogrand
Text: Taka Kawachi
28.11.2018
„Bei der Fotografie geht es nicht um das Fotografierte. Es geht darum, wie das Fotografierte aussieht.“ – Garry Winogrand
In seinen Fotografien hielt Garry Winogrand (1928–1984) Aspekte der Gesellschaft aus einer äusserst persönlichen Perspektive fest, ein Ansatz, den auch Robert Frank verfolgte. Ich habe einmal gehört, dass Winogrand kein Interesse an Fotografien hatte, die klaren Kompositionsregeln folgten, wie sie in Kunstkreisen hoch geschätzt wurden. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Winogrands Fotografie voller Menschlichkeit ist – und von einem etwas zynischen Humor geprägt –, während viele seiner Bilder gleichzeitig seltsam schwer zu entschlüsseln sind. Der Grund, warum sich seine Schnappschüsse dennoch in das Gedächtnis der Betrachter einprägen, liegt jedoch in der natürlichen Schärfe und dem tiefen Witz, mit denen Winogrand in einzelnen Fotos Dinge ausdrücken konnte, die viele Menschen fühlten oder erlebten.
Die Strassenfotografie, der sich Winogrand und sein Contemporary Lee Friedlander ebenfalls verschrieben haben, erscheint einfach, ist aber in Wahrheit sehr schwer zu realisieren. Selbst wenn man bedenkt, dass Fotografen solche Bilder aufnehmen wollen, gibt es unzählige Fotos, denen es nicht gelungen ist, diese Vision präzise einzufangen. Wenn wir unsere Denkweise ändern und uns den Fotos mit Winogrands Aphorismus „Bei der Fotografie geht es darum, herauszufinden, was im Bildausschnitt passieren kann” nähern, entdecken wir vielleicht neue Impressionen in denselben Fotos. Mit anderen Worten: Wenn man die realen Ereignisse, die sich vor dem Objektiv abgespielt haben, einfach als Material für die Komposition der jeweiligen Fotos betrachtet, erscheinen uns die Fotos in einem neuen Licht...
Es gibt zum Beispiel ein Foto von Winogrand, das sich durch eine hervorragende Komposition auszeichnet. Die Nase eines Elefanten ragt von der linken Seite in den Bildausschnitt hinein, eine Hand kommt von rechts hinzu, als wolle sie der Elefantenrüssel die Hand geben. Winogrand schuf ein Foto mit unerwartet reichhaltigen und interessanten Effekten, indem er einen solchen unangekündigten und zufälligen Moment nicht in einer konventionellen, „sauberen“ Komposition festhielt, sondern so, als würde er sich mit einer Situation befassen, die er sorgfältig und mühsam inszeniert hatte. Genau darin sah Winogrand das einzigartige Potenzial und die Stärken seines Mediums Fotografie.
Winogrand montierte ein Weitwinkel-Objektiv an seine 35-mm-Kamera, um so viel wie möglich einzufangen, und fotografierte seine Motive aus nächster Nähe. Er hinterfragte traditionelle Vorstellungen vom Sehen und Komponieren von Fotografien. Mit seinen brillant komponierten Aufnahmen von zufälligen Begegnungen, die nicht länger als einen einzigen Moment dauerten, ebnete Winogrand den Weg für eine neue Art der Strassenfotografie, die es wagte, ein wenig von der Realität abzuweichen.
Taka Kawachi
Taka Kawachi verfügt über umfangreiche internationale Erfahrung. Nach seinem Abschluss an der Academy of Art University in San Francisco arbeitete er 15 Jahre lang in New York City als Buchredakteur und Kurator. 2011 kehrte er nach Japan zurück. Im Jahr 2016 veröffentlichte Kawachi sein erstes Buch „Art no Iriguchi (Einstieg in die Kunst)“. Seine Publikationen veranschaulichen seine Erfahrungen mit Kunst und Fotografie und bieten den Lesern die Möglichkeit, sich aus seiner einzigartigen Perspektive mit der Geschichte und den Themen beider Regionen auseinanderzusetzen. Derzeit ist er Direktor der Auslandsabteilung von Benrido in Kyoto, wo er sich für die Verbreitung des klassischen und seltenen fotografischen Verfahrens der Lichtdrucktechnik einsetzt und Portfolios von Saul Leiter, J.H. Lartigue und anderen produziert. Seine neueste Veröffentlichung ist „Artists: Masters of Architecture and Design” (Akatsuki Press).